Hier im Haus hat sie eine Offenheit und Toleranz

27.06.2017

Luksia Ramo kam 2012 mit ihrer Familie als Flüchtling nach Deutschland, heute arbeitet sie als Altenpflegehelferin im Josef-Ecker-Stift in Neuwied – ein Annäherungsversuch

 

Neuwied. Gestern hat sie erfahren, dass sie nicht mehr in die mündliche Prüfung muss und damit das Examen als Altenpflegehelferin bestanden hat. Luksia Ramo freut sich riesig und ist stolz, es geschafft zu haben – genau so wie damals, als sie ihr Abitur gemacht hat. Das war in Al-Hasaka und damit in ihrem ersten Leben. Die 38-Jährige stammt aus dem Nordosten Syriens, ist Jesidin – dass sie Kurdin sei, müsse ich nicht ausdrücklich erwähnen, sagt sie; denn eigentlich seien alle Kurden Jesiden gewesen, die meisten allerdings seien zum Islam konvertiert – und hat mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Al-Hasaka ein gutes Leben geführt, auch wenn sie als Jesiden im Alltag immer Bürger zweiter Klasse waren und mit ständigen Benachteiligungen und Schikanen zu kämpfen hatten. Als dann 2011 in Syrien die Unruhen und Proteste ausbrachen und auch den Norden des Landes erfassten, war es für die vierköpfige Familie damit vorbei. Als sie von der Polizei verhört wurde, nur weil sie an einer Demonstration gegen das Assad-Regime teilgenommen hatte, „da hat mich die Angst gepackt“, erzählt sie. Innerhalb kürzester Zeit haben sie ihre Koffer gepackt, ihr Hab und Gut verkauft und sind nach Deutschland geflohen. Ihr neues Leben begann hier am 19. Januar 2012.

 

Als Jesiden im Alltag immer Bürger zweiter Klasse

Aber der Reihe nach. Luksia Ramo stammt aus einer großen Familie, ihr Vater war selbständiger Handwerker, ist aber schon viele Jahre tot. Ihre Mutter lebt bei einem ihrer Brüder in Bielefeld. Wie überhaupt alle ihre Geschwister zwischenzeitlich in Deutschland leben und arbeiten. Für die Jesiden und alle anderen religiösen und ethnischen Minderheiten ist das Überleben im Bürgerkriegsland Syrien in den letzten Jahren nämlich so gut wie unmöglich geworden.

 

In Al-Hasaka ein gutes Leben geführt

1999 hat Luksia geheiratet – und natürlich ihren Mann selbst ausgesucht, wie sie sagt. Wobei Jesiden in der Regel nur untereinander heiraten; denn die Heirat mit einem Andersgläubigen bedeutet automatisch den Ausschluss aus der Gemeinschaft der Jesiden. Ihr Sohn Hemgin ist heute 17 Jahre alt, Tochter Yasmin wird im August 12. Ihr Mann hatte in der großen Textilfabrik in Al-Hasaka eine leitende Position. So konnte es sich die Familie auch leisten, ihre beiden Kinder auf eine der beiden christlichen Privatschulen zu schicken. – Und dann kam der Bürgerkrieg, der auch im Leben von Luksia Ramo und ihrer Familie kaum einen Stein auf dem anderen beließ.

 

„Viele Tausend Euro“ habe ihre Flucht gekostet, sagt sie. Die Schlepper verdienen unverschämt gut an der Not fremder Menschen. Zu Fuß ging es für Luksia und ihre Kinder über die türkische Grenze, dann mit dem Auto nach Istanbul, von dort mit dem Flieger nach Düsseldorf und schließlich mit dem Auto nach Bielefeld. Ankunft, wie gesagt, am 19. Januar 2012. Dort, so war ihr Plan, „wollten wir Asyl beantragen“. Aber die Behörden machten ihnen einen Strich durch die Rechnung und schickten sie direkt in das zentrale Auffanglager für Rheinland-Pfalz in Trier weiter.

 

„Die ersten Monate waren sehr schwer“

Von dort ging es Anfang April 2012 nach Neuwied. „Die ersten Monate waren sehr schwer“, erinnert sich Luksia Ramo. Schlechte Unterbringung, fremde Umgebung, Verständigungsschwierigkeiten – und sie war mit ihren Kindern allein; denn ihr Mann kam erst ein halbes Jahr später und nicht, wie die Schlepper es ihnen hoch und heilig versprochen hatten, schon zwei Tage später nachgereist. Aber es gab hilfsbereite Menschen aus den Kirchengemeinden, die sie unterstützt haben. Und, darauf ist sie besonders stolz: Ihre Kinder „haben mir in dieser Zeit sehr geholfen“. Dank der guten Englischkenntnisse, die er noch in Syrien erworben hatte, konnte der damals zwölfjährige Hemgin für seine Mutter (aber auch für andere Flüchtlinge aus dem arabischen Raum) im Ausländeramt als Dolmetscher einspringen, erzählt Luksia Ramo.

 

Sie geht ihr Leben sehr planvoll an

Im Mehrgenerationenhaus in Neuwied hat sie ihren ersten Deutschkurs absolviert, den zweiten dann, nachdem sie ihre erste Aufenthaltserlaubnis für drei Jahre erhalten hatte. Als nächstes – Luksia geht ihr neues Leben sehr planvoll an – machte sie 2013 ihren Führerschein: Bis zu sechs Stunden hat sie damals täglich gepaukt, um die theoretische Prüfung zu bestehen. Weil sie in Al-Hasaka eine Ausbildung in der Krankenpflege begonnen und als Arzthelferin gearbeitet hatte, suchte sie für ihren beruflichen Neustart in Deutschland nach einem passenden sozialen Beruf. Gerne wäre sie Erzieherin geworden, aber einen Ausbildungsplatz bekam sie leider nicht. Und sich auf Dauer als Aushilfe im Kindergarten und mit einem Minijob als Nachmittagsbetreuung in der Grundschule durchzuschlagen, das war nicht ihr Ding. „Ich wollte eine richtige Ausbildung!“

 

Und so ist sie dann irgendwann im Frühjahr letzten Jahres spontan in das Josef-Ecker-Stift gegangen, hat bei Einrichtungsleiter Siegfried Hartinger an die Tür geklopft und ihn gefragt, ob er ihr die Chance auf eine Ausbildung geben könne. Der hat Ja gesagt, nachdem Luksia ein einmonatiges Praktikum absolviert hatte. Und so startete sie am 1. August ihre Ausbildung zur Altenpflegehelferin.

 

Unterstützung und Solidarität erfahren

Auch wenn sie das Examen jetzt in der Tasche hat und mächtig stolz auf das ist, was sie in ihrem neuen Leben schon erreicht hat, so vergisst Luksia Ramo nicht, dass sie zwischenzeitlich die Brocken hinwerfen wollte, weil ihr einfach alles zu viel wurde. Aber in diesen Wochen hat sie die Unterstützung und Solidarität ihrer Kolleginnen und Kollegen und der Leitung des Hauses, nicht zuletzt auch von Pflegedienstleiterin Angelika Seifert, erfahren. So ist es für sie auch selbstverständlich, dass sie im Josef-Ecker-Stift bleiben und weiterhin auf dem Wohnbereich 1 arbeiten will. Zumal sie hier im Haus eine Offenheit und Toleranz – auch und gerade in religiösen Fragen, wie sie betont – angetroffen hat, wie sie sie in ihrem ersten Leben nie erfahren hat.

 

Alles in bester Ordnung also?

Alles in bester Ordnung also? Nicht so ganz, gibt Luksia Ramo offen zu. Dabei muss sie sich um ihre Kinder keine Sorgen machen. Sohn Hengin und Tochter Yasmin besuchen beide das Gymnasium, Hemgin will Arzt werden (und hat im Marienhaus Klinikum St. Elisabeth auch schon ein erstes Praktikum absolviert), Yasmin (auch wenn sie erst 12 ist) tendiert in Richtung Jura. Wer ihr dagegen Sorgen macht, das ist ihr Mann. Ihm fällt es echt schwer, in Deutschland Fuß zu fassen. Er tut sich schwer mit der deutschen Sprache und hat deshalb auch noch nicht so richtig beruflich Fuß gefasst. Der Teilzeitjob bei der Post ist auch nicht ansatzweise mit der Position vergleichbar, die er in Al-Hasaka hatte.

 

Kommt deshalb für sie nach dem Ende des verheerenden Bürgerkrieges eine Rückkehr nach Syrien in Frage? Nein, auf keinen Fall, sagt Luksia Ramo. Höchstens um alte Freunde wiederzusehen, würde sie dort noch einmal hinfahren. Ansonsten hat sie mit ihrem ersten Leben komplett abgeschlossen. „Ich will auch gar nicht mehr wissen, was dort tagtäglich Schreckliches passiert“. Deshalb ist sie auch direkt am Tag nach ihrem Examen zum Ausländeramt gegangen um zu fragen, wann sie den Antrag auf Einbürgerung stellen kann.

 

Luksia Ramo möchte deutsche Staatsbürgerin werden – auch, weil sie dann das erste Mal in ihrem Leben eigene Papiere bekommt. Als Jesidin war ihr das nämlich in Syrien verwehrt...

Josef-Ecker-Stift Neuwied

Erlenweg 42
56564 Neuwied
Telefon:02631/8373-0
Telefax:02631/29501
Internet: http://www.altenheim-neuwied.dehttp://www.altenheim-neuwied.de

Ansprechpartner

Einrichtungsleiter Siegfried Hartinger

Telefon:02631/8373-11
Telefax:02631/29501
E-Mail:siegfried.​hartinger@​marienhaus.​de

Pflegedienstleiterin Angelika Seifert

Telefon:02631/8373-42
Telefax:02631/29501
E-Mail:angelika.​seifert@​marienhaus.​de